Er stand seit einer Stunde am Gehsteig in der Schlange vor der Eingangstür der Notschlafstelle. Es war kalt an diesem Abend. Er trat von einem Fuß auf den anderen. Eine Frau ging vorbei, den Schal hoch ins Gesicht gezogen. Sie wechselte schnell auf die andere Straßenseite, als sie die Menschenschlange erblickte. Dann ging drinnen endlich Licht an. Die dunkle Schlange aus Menschen setzte sich in Bewegung – ruckartig, zwischen Hast, wenn die Tür aufging, und Stillstand, wenn sie wieder ins Schloss fiel. Große Plastiksäcke wurden rhythmisch aufgehoben und wieder auf den Boden abgesetzt.
Er stand nun im Innenhof. Hier war es etwas wärmer. Er massierte seine steifen Finger. Die Frau hinter ihm murmelte leise vor sich hin. Sie beäugte ihn misstrauisch, als er sich umsah. Er lugte zum Fenster hinein und beobachtete die Gesichter der Mitarbeiterinnen hinter dem großen Empfangspult. Sie hatten die Macht zu entscheiden, ob er heute hier schlafen durfte oder nicht. Einer nach dem anderen verschwand im Licht. Der Innenhof leerte sich. Dann war er an der Reihe. Er ergriff den kalten Türgriff und zog die Tür auf. Ein Schwall Wärme überströmte ihn. Er blieb kurz stehen und öffnete seine Jacke. Dann ging er zum Empfangspult.
„Bettnummer?“, fragte die Frau hinterm Pult und sah auf. Eine grüne Brille hing ihr um den Hals. Er habe noch kein Bett, erklärte er. Er wolle gerne hier schlafen, es sei kalt geworden. Die Frau seufzte und blätterte durch einen Stapel Papiere. „Nummer 8 ist noch frei“, meinte ihre Kollegin und zeigte mit einem leicht gebogenen Zeigefinger auf eines der Blätter. „Sie haben Glück. Wir haben noch ein Bett frei. Wie ist Ihr Name? Haben Sie einen Ausweis? Zwei Euro, dann können Sie hier schlafen. Sie bekommen Abendessen und Frühstück in der Küche. Sie können maximal 30 Tage hier bleiben. Jeden Tag kommen, sonst verlieren Sie Ihr Bett. Innerhalb von 14 Tagen müssen Sie einen Tuberkulosetest machen. Hier ist ein Infoblatt. Zur Neubaugasse mit der U3, dann hier zum Arzt. Montag bis Freitag.“ Die Kollegin tippte auf den Ausdruck, den sie vor ihn gelegt hatte. Er nickte, nahm Essensmarke und Bettzeug und verschwand wie alle vor ihm hinter der Tür zum Schlafsaal.
Im Schlafsaal war es kühler. Eine Tür zum Innenhof stand offen. Von draußen drang Musik von einem Handy herein. Die anderen huschten an ihm vorbei – mit Handtüchern, Winterjacken, Zahnbürsten. Er ging die Stockbettreihen entlang, bis er vor der Nummer 8 stand. Sein Bett war das obere. Am Bett darunter sah er kleine braune Flecken. Er kratzte sich instinktiv am Nacken, stellte seine Tasche ab und bezog sein Bett. Der Mann neben ihm redete laut am Telefon in einer Sprache, die er nicht verstand. Sein Atem roch nach Alkohol. Er drehte sich weg, zog den Kopf ein und ging zum Badezimmer.
Vor der Tür diskutierte eine Gruppe von Männern lautstark. Eine Mitarbeiterin kam mit strengem Blick auf sie zu. Er verschwand im Bad. Die Klos verströmten den Geruch von Pisse. Der Boden war nass, das Wasser warm, das Handtuch kratzig. Zurück an seinem Bett schlüpfte er wieder in seinen Pullover und ging in die Küche. Eine Frau schöpfte ihm einen Teller Kürbissuppe aus einem großen Topf, auf einen anderen Teller Pasta mit Gemüse und bedeutete ihm, sich am Brotkorb zu bedienen. Er legte eine harte Semmel auf sein Tablett und setzte sich ans Fenster. Draußen ging ein junger Mann vorbei und schaute neugierig herein. Als sich ihre Blicke trafen, sah er schnell zu Boden. Er löffelte seine Suppe und ließ die Augen durch den Essensraum schweifen. Die meisten hatten schon gegessen. Hier saßen nur noch die Langsamen, die Alten, die zu spät Gekommenen. Eine alte Frau grinste ihn zahnlos an. Er senkte den Blick wieder auf die orangene, dampfende Suppe.
Um 22 Uhr wurden die Lichter ausgemacht. Er lag unter der Decke, seine Tasche fest an sich gedrückt. Die Alkoholausdünstungen seines Nachbarn lagen in der Luft. Weiter hinten dröhnte ein unregelmäßiges Schnarchen. Es klang, als bekäme der Schnarcher kaum Luft. Er hörte Stimmen, sah Schatten vorbeiziehen. Eine Frau lachte leise. Er rollte sich auf die andere Seite und zog die Decke über sich und seine Tasche. Bettgestelle quietschten, etwas raschelte, Schritte in Pantoffeln. Es war stockdunkel. Nur ein schmaler Lichtschlitz fiel durch die zugezogenen Rollläden des Fensters zum Innenhof.
Er fixierte den Lichtschlitz und versuchte, die vielen atmenden Körper um ihn zu vergessen. In letzter Zeit hatte er in der Lokomotive des Holzzugs am Kinderspielplatz geschlafen. Es war kalt, aber die Temperaturen hatten es noch zugelassen. Da war es nie ganz dunkel gewesen. Da gab es immer das Licht der Straßenlaternen. Da hörte er Rascheln von Igeln, Eichhörnchen, entfernten Verkehr – aber nie jemanden atmen außer sich selbst.
Die Frau unter ihm seufzte. Er hörte, wie ihre langen Nägel über ihre Haut kratzten. Er presste die Tasche enger an sich. Schritte zwischen den Betten. Ein Schatten wischte über den Lichtschlitz. Nur bis das Licht wieder da ist, musste er aushalten. Dann konnte er gehen. Nur bis das Licht wieder da ist.
Wieder Schritte, wieder eine Silhouette.
Er sieht Schatten, er sieht Menschen. Seine Augen sind weit geöffnet.
Er sieht seinen Vater auf ihn zukommen. Der Zigarettenstummel glüht rot. Der Schatten beugt sich über ihn, verwischt im Dunkeln, wird zu ihnen allen. Sie kommen auf ihn zu, drängen auf ihn ein.
Die atmende Dunkelheit legt sich schwer auf ihn. Er presst die Augen fest zusammen, die Tasche an den Körper.
Nur bis das Licht wieder da ist. Nur bis das Licht wieder da ist.
Er versuchte tief einzuatmen, seinen verkrampften Körper zu entspannen. Vorsichtig, um kein Geräusch zu machen, hob er seine rechte Hand und begann, den Handrücken der linken zu streicheln. Ganz sanft, ganz langsam strich er über seine Hand, über sein Gesicht. Das half. Er hörte eine Klospülung, eine Tür zuschlagen. Er zog die Decke bis über den Kopf.
Als er die Augen wieder öffnete, war das Licht wieder da. Es fiel hell und sanft durch das Fenster aus dem Innenhof herein.