Die Sonne war schon längst hinter den Gebäude versunken, als sie das Café betraten. Zwei Schwestern, denen man das Schwesternsein nicht ansah. Über ihnen glitzerten die Glasdiamanten an den Lustern in grün, rot, orange. Die Schwestern legten ihre Mäntel an den schwankenden Holzständern ab. Dann sanken sie in die fein gemusterten Bänke am Fenster.
Der Tisch war zu hoch für ihre Ellenbogen. Sie legten die Hände auf ihren Oberschenkeln ab. Auf einer Tafel gegenüber leuchteten weiß die Tagesempfehlungen in feiner Schreibschrift. Gemüsecremesuppe, Schweinsgeschnetzeltes, Tortiglioni. Die Schwestern bestellten Ingwer-Zitronentee und Espresso. Der Kellner strich seine schwarze Weste über seinem Bauch glatt und nickte. Am Nebentisch war ein murmelnder Mann versunken. Dahinter prostete man sich mit hohen Gläsern zu.
Die beiden Schwestern klappten ihre beigefarbenen Büchlein auf. Das eine hatte goldene Seitenränder, das andere ein dick gemustertes Lesezeichen. Sie wollten heute das Café zwischen ihre Seiten packen. Die orange, violett, blau glitzernden Glasdiamanten. Die dunkelroten Plakate, die den Schilcher Sturm bewarben. Den langen Riss, der sich vom Fenster bis zur Küche durch die hohe Decke zog. Die beschlagenen Spiegel und dicken Vorhänge. Den kalten Wind, der ihnen um die Knöchel wehte, wenn ein Gast zur Tür herein trat. Sie wollten das Lächeln der alten Frau und den angewiderten Blick der Köchin durch die Küchentür einfangen. Den schwarz melierten Holzboden, den ruhigen Gang des Kellners, das schwindende Licht vor den Fenstern. Sie wollten alles in Worte fassen, die warme Luft und das Klirren der Tassen, alles zwischen die Seiten ihrer beigen Büchlein stempeln.
Im Fensterglas spiegelten sich die Lichter des Lusters, als es plötzlich aufhörte zu brummen. Niemand bemerkte es, nur die Schwestern sahen auf. Sie erkannten, dass der Moment gekommen war. Die Gespräche plätscherten weiter dahin, die Worte hingen in der Luft, fielen in die Kaffeehäferl, auf die Marillenpalatschinken.
Die Schwestern hüpften hinauf zu den Lustern und schaukelten auf den gelb, blau, roten Glasdiamanten. Sie sahen die Welt von oben, schwankend und in all ihren Farben. Die Schwestern schwangen ihre beigen Büchlein, die Knie eingehängt in die Lampen. Sie schwenkten sie weit ausholend zu allen Seiten. Sie überschlugen sich im ganzen Raum, vom Riss in der Decke zur Küchentür, von den dicken Vorhängen zum dicken Teppich. Sie schaukelten, sie schwangen, sie flogen durch den Kaffeeduft. Sie fingen all die Worte, die noch in der Luft hingen, fischten sie aus den Häferln und klopften sie aus dem Teppich. Sie schlugen Purzelbäume mit ihren beigen Büchlein, die sie sicher führten. Sie schwangen, bis in ihren Augen die Glasdiamanten glitzerten, in grün, rot, orange.
Dann klappten sie ihre beigen Büchlein zu und versanken langsam wieder in den Bänken, ihre Silhouetten verronnen im violetten Blau vor dem Fenster.