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Lange rote Zehen

M stand unter der Dusche und spürte wie das kalte Wasser ihrer Haut endlich die aufgestaute Wärme entzog. Wie sie hinabrann und im Abfluss verschwand. Sie schloss die Augen und genoss das Wasser auf ihrem Kopf, ihrer Haut, wie ihr hitzeerröteter Kopf langsam wieder eine Temperatur annahm, die es ihr ermöglichte zu denken.

Die Hitzewelle hatte die Stadt vor einigen Tagen überrollt und hatte beschlossen zu bleiben. Sie ließ die Gebäude, den Beton, die Aufzüge, die U-Bahn Wägen glühen, hielt sie in einem engen, heißen Griff umschlungen. M hörte das Geräusch des Dunstabzugs durch die Badezimmertür. T bereitete das Abendessen zu. Ihm stand sicherlich der Schweiß auf der Stirn. Perlen, die sich im Nudelwasser auflösen würden.

M schaute zu Boden. Sie sah auf ihre Zehen. Das Wasser schwirrte darum, bevor es im Abfluss verschwand. Ihre langen roten Zehen. Eine der Zehen war leicht gebogen. Sie hatte sie sich vor Jahren bei einem Fahrradunfall gebrochen. M atmete tief durch und strich sich durch ihr nasses Haar. Dann drehte sie den Wasserhahn zu. Ein paar letzte Tropfen landeten noch auf ihrem Kopf.

Als sie aus der Wanne steigen wollte, verlor M das Gleichgewicht. Ihr entfuhr ein kurzer Schrei, sie taumelte, konnte sich gerade noch an der Handtuchstange neben der Dusche festhalten. M schaute zu Boden, um zu sehen, was sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Da sah sie, dass ihre Zehen fehlten. Ihre Füße endeten in Stümpfen. Als hätte sie hautfarbene Socken an und ihre Füße wären verzerrt klein. M schaute in die Badewanne hinter sich. Da schwammen ihre langen roten Zehen auf den letzten Rinnsalen Richtung Abfluss. Der leicht gebogene Zeh wirbelte dabei einmal um seine Achse.

Von ihrem Schrei alarmiert, lugte T ins Badezimmer. „Alles okay?“ „Ja, ja, meine Zehen sind nur gerade abgefallen“, erwiderte M. T nickte. „Achso“, und verschwand wieder Richtung Küche. M trocknete sich ab, setzte sich auf den Badewannenrand und fischte ihre zehn Zehen aus der Wanne. Ein kleiner Zeh war im Abfluss stecken geblieben und hatte die restlichen Zehen aufgestaut. Sie wusste nicht so recht, was sie mit den Stummeln in ihren Händen machen sollte. Sie fühlten sich eklig an. Nasse kleine Stummel. M legte sie vorsichtig am Badewannenrand ab und holte einen kleinen Müllsack aus dem Regal unter dem Waschbecken, in den sie ihre Zehen hineinwarf. Unbeholfen richtete sie sich auf. Es war schwierig, die Balance zu halten auf ihren nun doch stark verkürzten Füßen. Sie wusch sich die Hände mit Seife, gleich zwei Mal. Sie wollte das Gefühl ihrer Zehen in den Händen los werden. Dann watschelte sie leicht schwankenden mit dem Plastiksack in der Hand in die Küche.

T war gerade dabei, das Wokgemüse zu würzen. Er drehte kräftig an der Pfeffermühle. Der schwarze Pfeffer rieselte auf das zischende Gemüse. „Was hast du damals mit deinen gemacht?“, fragte M. Sie hielt den Plastiksack hoch. Er knisterte. T drehte weiter an der Pfeffermühle. „Das kann einfach in den Restmüll“, meinte er, „wie Küchenabfälle, Hühnerknochen und so.“ M nickte. Sie humpelte hinüber zum Mülleimer und ließ den Sack mit ihren langen roten Zehen hineinfallen. Sie überkam eine Welle von Melancholie. Dann machte sie den Deckel zu.

Natalie Bock